Leadership heute ist sinnlos – Welche Potenziale Führungskräfte oft genug übersehen

Das Gute im Sinn: Bedeutsamkeit bei der Arbeit

“Arbeit und Sinn – das hat nichts miteinander zu tun”, höre ich immer wieder von Führungskräften. Aber welche Rolle spielt das Thema Sinn im Zusammenhang mit Führung? Ich bin überzeugt: Sinn im Kontext von Führung spielt eine große Rolle. Und doch wird sie immer wieder unterschätzt.

Versteht man Sinn als die Verwirklichung von Werten oder als das, was das Leben lebenswert macht, dann darf er im Führungskontext nicht fehlen. Schließlich wollen die meisten von uns Sinn nicht nur privat, sondern (gerade) auch beruflich erleben. Ich behaupte sogar, dass gute Führung ohne Sinn gar nicht geht.

Doch was bedeutet Sinnorientierung im Arbeitsalltag ganz konkret? Welche Rahmenbedingungen können Führungspersonen schaffen, um das Sinnerleben von Mitarbeitenden zu fördern? Und welche Qualitäten sind dafür besonders wichtig?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass große Themen wie Sinn und Werte auch Mut brauchen, um sie in Teams zu diskutieren. Ich weiß aber auch, dass es sich lohnt – wie in diesem Artikel nachzulesen ist.


Was bedeutet Führung vor dem Hintergrund der Sinnorientierung überhaupt?

Ausgehend vom Menschenbild Viktor Frankls ist es gerade im Zusammenhang mit Führung zunächst wichtig, den Menschen als entscheidendes und verantwortliches Wesen zu sehen. Das bedeutet, dass wir als Menschen grundsätzlich frei entscheiden und entsprechend handeln können. Natürlich haben wir nicht immer Einfluss auf das, was um uns herum geschieht. Aber Frankl hat immer wieder betont, dass wir selbst entscheiden können, wie wir auf Ereignisse reagieren.

Menschsein heißt bewusst-sein und verantwortlich-sein.

– Viktor Frankl

Sinnorientierung bedeutet auch, dem, was uns persönlich wertvoll und bedeutsam ist, besonder viel Raum zu geben. Gerade wenn das eigene Engagement dann zu etwas größerem Ganzen beiträgt, erleben wir tiefe Momente von Sinnerleben.

Für eine sinnorientierte Führung ist es deshalb zentral, den Mitarbeitenden ihre Verantwortung bewusst zu machen, ihnen Entscheidungsspielräume aufzuzeigen – und sie dann gewähren zu lassen. Sie erfahren eine Form von Selbstwirksamkeit, die sie wachsen und selbstbewusst werden lässt.

Dazu gehört auch ein klares Ja zu einer offenen Fehlerkultur, aus der alle lernen können. Und ein klares Nein zu kontrollierendem Mikromanagement. Sinnorientierte Führung heißt also zunächst, den Menschen als entscheidendes und verantwortliches Wesen anzuerkennen.

Darüber hinaus ist es wichtig, Bedeutsamkeit auf zwei Ebenen in den Blick zu nehmen. 

Einerseits geht es darum, im Dialog herauszukristallisieren, was dem Mitarbeitenden jeweils wichtig ist und welche Anknüpfungspunkte es im Arbeitsumfeld gibt. Andererseits ist es für die Führungskraft auch wichtig, die Bedeutung der jeweiligen Leistung für das Ganze klar zu kommunizieren, um das Sinnerleben des Mitarbeitenden zu fördern.


🔎 Aus der Wissenschaft: Welche Dimensionen prägen eine sinnvolle Arbeit?

Wissenschaftliche Erkenntnisse weisen in eine ähnliche Richtung: Sinnvolle Arbeit trägt zum persönlichen und beruflichen Wohlbefinden bei. Die meisten Menschen streben nach mehr als nur einem Job, um Geld zu verdienen. Vielmehr sehnen wir uns nach einer Aufgabe, die uns erfüllt und Sinn bietet.

In der Studie Measuring Meaningful Work: The Work and Meaning Inventory (WAMI) haben die Autoren um Michael F. Steger drei relevante Dimensionen von sinnvoller Arbeit identifiziert:

  1. Positive Bedeutsamkeit: Menschen erleben ihre Arbeit als subjektiv bedeutsam.
  2. Sinnerleben in der Arbeit: Die Arbeit trägt dazu bei, Sinn im Alltag zu erleben.
  3. Gemeinwohlorientierung: Die Arbeit geht über das eigene Wohlbefinden hinaus und wirkt sich positiv auf andere aus.

Die Wissenschaftler betonen zudem den Zusammenhang zwischen Fehlzeiten und einer sinnvollen Arbeit.

In unseren Daten stand die Fehlzeitenquote nicht im Zusammenhang damit, ob die Mitarbeiter mit ihrem Arbeitsplatz zufrieden waren oder nicht. Sie stand auch nicht im Zusammenhang damit, wie sehr sie sich ihrem Unternehmen verpflichtet fühlten. Es gab nicht einmal einen Zusammenhang mit der Absicht, den Arbeitgeber zu verlassen. Stattdessen deuten unsere Analysen darauf hin, dass die Menschen sich von einer Arbeit abwenden, die für sie keinen Sinn hat.

– Michael F. Steger et al. (eigene Übersetzung)

Welche Bedeutung hat Sinn im Führungskontext? Eine große, und wird dennoch oft unterschätzt. Image: Anastasia Shuraeva.


🧭 Aus der Logotherapie: Wie kann Sinnorientierung im Führungskontext gelingen?

Viele mögen sich fragen (und ich mich oft), was Sinn mit Führung zu tun hat. Das ist verständlich, denn die sogenannte Logotherapie & Existenzanalyse nach Frankl wird auch als sinnzentrierte Psychotherapie bezeichnet und hat auf den ersten Blick nichts mit Führung zu tun.

Dennoch lassen sich viele Grundlagen, wie das oben erwähnte Menschenbild, sehr gut auf den Arbeitskontext übertragen. Dies zeigte auch Walter Böckmann, ein Schüler Frankls, der durch seinen Ausspruch und das gleichnamige Buch “Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten” bekannt wurde. Er zeigt auf, dass Werte Möglichkeiten der Sinnerfüllung im beruflichen Kontext sind.

Wie aber können die logotherapeutischen Grundlagen rund um Sinn nun übertragen werden?

  1. Sinn ist immer individuell und kann nicht von außen „verordnet“, sondern nur selbst entdeckt (und schließlich umgesetzt) werden. Deshalb ist es für Führungskräfte wichtig, die Eigenverantwortung im Team zu fördern. Das bedeutet auch, Mitarbeitende im Rahmen ihrer Möglichkeiten einfach mal machen zu lassen, ihnen Entscheidungsfreiräume zu geben und sie zu ermutigen, ihre Gestaltungsspielräume selbstbewusst zu nutzen – auch mit dem Risiko, dass mal etwas daneben gehen kann. Aber wer hat nicht schon aus Fehlern gelernt?
  2. Sinn bezieht sich immer auf diesen einen, einzigartigen Moment. Das bedeutet nicht, dass Führungskräfte ihre Mitarbeitenden nicht mit der Gesamtvision des Unternehmens abholen sollten. Es bedeutet aber, dass sie ebenso beweglich sein sollten (äußerlich und innerlich), sich auf vielleicht unerwartete Ereignisse einzustellen, die Situation neu zu bewerten und dann entsprechend zu handeln. Wer von uns hätte eine Pandemie und ihre (wirtschaftlichen und sozialen) Folgen vorhersehen können?
  3. Sinn wird vor allem dann verwirklicht, wenn man sich für etwas einsetzt, das über einen selbst hinausgeht. Für Führungskräfte ist es deshalb wichtig, den Mitarbeitenden immer wieder den größeren Zusammenhang zu erklären. Im Team oder in Einzelgesprächen können sie gemeinsam die Frage reflektieren: „Wofür ist es wichtig und relevant, dass du jetzt diesen einen Teil beiträgst?“

All diese Punkte gelten übrigens auch für die Führungskraft selbst, Stichwort Selbstführung: Was bewegt mich selbst und wofür will ich mich einsetzen? Welchen „Sinnanruf“ habe ich gerade, wie reagiere ich hier und jetzt darauf? Welche (neue) Entscheidung muss ich treffen, weil sich die (äußeren) Umstände verändert haben? Und auch: Welchen Beitrag leiste ich, der über mich und meine Person hinausgeht?

Wir können zusammenfassen: Sinnorientierte Führung bedeutet, Menschen als entscheidende und verantwortliche Akteure anzuerkennen und ihnen Räume für die eigene Sinnerfüllung zu eröffnen.


Für die Praxis: Welche Rahmenbedingungen können Führungskräfte schaffen, um Sinnerleben zu fördern?

Wenn es darum geht, Sinnorientierung in den Führungskontext zu integrieren, bedeutet dies auch, die Mitarbeitenden neben ihrer spezifischen Rolle vor allem als Menschen mit all ihren einzigartigen Seiten, Fähigkeiten und Potenzialen anzuerkennen.

In der Logotherapie gibt es den Grundsatz, dass jeder Mensch einzigartig und unverwechselbar ist. Und das ist ein Mensch auch, wenn er seine berufliche Tätigkeit ausübt. Dies gilt es nicht nur zu berücksichtigen, sondern daraus einen Mehrwert für alle Beteiligten zu schaffen. Doch wie kann ein Mehrwert entstehen, wenn Sinnerleben etwas Individuelles ist?

Die zentrale Aufgabe für Führungskräfte lautet: Möglichkeiten schaffen, um Sinn zu verwirklichen!

Das bedeutet einerseits, von und mit dem Mitarbeitenden lernen, welche Werte zentral für ihn/sie sind. Was ist es, was diesen Menschen berührt, aufregt, begeistert oder frustriert? All diese Empfindungen können gute Hinweise auf die Werte dieser Person geben. Diese Werte und das damit verbundene agile Mindset können auch als „agiles Sein“, also als innere Haltung verstanden werden (siehe dazu auch Wege agiler Führung – mit Sinn).

Zum anderen ist es Aufgabe der Führungskraft, Räume zu schaffen, um diese zu realisieren. Dazu gehören zeitliche und auch finanzielle Ressourcen ebenso wie aktuelle und qualitativ hochwertige Tools. Es braucht also auch die äußere Komponente, das agile Tun“, um das Sinnerleben im Team zu steigern.

Doch wie kann es gelingen, mehr über die Werte der Mitarbeitenden zu erfahren, um sie zu fördern?

Zwei Qualitäten sind zentral: fragen und zuhören.

Ein Erkenntnisgewinn durch fragen geht schon auf Sokrates zurück. Wir kennen den sokratischen Dialog als „Gesprächsführung“, bei der der Lernende durch Fragen selbst zur Erkenntnis gelangt. Eine Faustregel: Führungskräfte sollten mehr Fragen stellen als Antworten geben.

“Empathie und aktives Zuhören” gehört zu den Top Ten der Fähigkeiten, die Führungskräfte des Weltwirtschaftsforums für die Zukunft als zentral erachten – und wird weithin unterschätzt.

Die Autorin Nancy Kline spricht von der Schaffung so genannter „Thinking Environments“, Denkumgebungen, in denen die Teammitglieder Zeit und Raum haben, ihre eigenen Gedanken und Ideen neu zu entwickeln. Es ist erstaunlich, welche Prozesse in Gang gesetzt werden können, wenn man jemandem wirklich Zeit und Raum gibt – indem man zuhört, um zu verstehen, und nicht, um zu reagieren.

Drei gute Fragen, mit denen Führungskräfte einen Dialog beginnen können (Nancy Kline, Time to Think; eigene Übersetzung):

  1. Was läuft gut in Ihrer Arbeit oder in Ihrem Leben?
  2. Welche Erfolge haben Sie erreicht, seit wir uns das letzte Mal getroffen haben?
  3. Was läuft Ihrer Meinung nach gut in unserem Projekt?

Leadership in Zukunft? Sinnvoll!

Sinn und Leadership passen besser zusammen, als man denkt. Sinnorientierung im Führungskontext bedeutet, den Menschen als verantwortlichen Akteur wahrzunehmen und ihm Räume zur individuellen Sinnverwirklichung zu eröffnen.

Für Führungskräfte ist es daher wichtig, im Dialog mit den Mitarbeitenden herauszufinden, welche Werte sie haben und welche Rolle diese im organisationalen Kontext spielen können. Hilfreich ist es auch, Agilität als innere und äußere Qualität zu verstehen (agile being und agile doing), denn das eine bedingt das andere. Und schließlich kann die Sinnhaftigkeit im Alltag vor allem dann gefördert werden, wenn der Beitrag zu einem größeren Ganzen in den Fokus gerückt wird.

Es liegt an uns, Leadership neu zu definieren und durch sinnorientierte Ansätze eine tiefere Verbindung und Erfüllung im Berufsleben zu schaffen – für uns selbst und unsere Teams!

Summer Sadness – Und was mir noch nie dabei geholfen hat

Ein Paradox, mindestens drei Erklärungen: von Japan bis Literatur

Es passiert mir jedes Mal. Mit Ansage. Ohne Halt. Spätestens am Tag vor der Abreise.

Manchmal mit einem grumpy mood, manchmal mit ein paar Tränen. Immer mit einem schweren Herzen: die Summer Sadness. So auch dieses Mal, auf dem Rückweg von Skandinavien, nach zwei Wochen Urlaub mit Midsommar-Magie.

Immer, wenn sich eine solche Auszeit dem Ende nähert, werde ich melancholisch. Ich bin traurig, dass die besondere Zeit vorbei ist.

Rationale Geister sagen, man solle sich doch lieber über das freuen, was man erlebt hat, anstatt ihm hinterherzutrauern. Stimmt vielleicht, klappt aber nur bedingt. Dieser Rat ist kognitiv nachvollziehbar, hat mir aber noch nie geholfen.

Dass ich nicht die einzige bin, der es so geht, wird an der Vielfalt der Begrifflichkeiten deutlich, die diese sonderbare Art der Traurigkeit beschreiben.

  • In Japan hat das Phänomen dieser Vergänglichkeit einen eigenen Begriff: mono no aware.
  • Der Autor Benedict Wells hat eine neue Wortkreation dafür geschaffen: Euphancholie.
  • Und die Amerikanerin Susan Cain hat dem Thema gar ein ganzes Buch gewidmet: Bittersweet.

Enjoy the sadness!


🔎 Aus der Praxis: japanische Wehmut

Was bedeutet mono no aware?

Mono no aware ist eine japanische Redewendung für das Bewusstsein der Unbeständigkeit oder Vergänglichkeit der Dinge.

Sie beschreibt einerseits eine vorübergehende sanfte Traurigkeit (oder Wehmut). Andererseits bezeichnet sie auch eine längere, tiefere sanfte Traurigkeit darüber, dass dieser Zustand die Realität des Lebens ist.

Es geht um die Vergänglichkeit der Schönheit, das leise, beschwingte, bittersüße Gefühl, Zeuge des schillernden Zirkus des Lebens gewesen zu sein – in dem Wissen, dass nichts davon von Dauer sein kann.

Die Ästhetik [von mono no aware] liegt in der leisen Freude, die unweigerlich mit der Traurigkeit verbunden ist: die Freude, dass wir die Schönheit eines Menschen oder einer Sache erleben durften, sei sie auch noch so kurzlebig gewesen. – Yasemin Besir, Japan Digest

Wann und wie zeigt sich mono no aware?

Ein besonders prägnantes Beispiel aus Japan ist die Zeit der Kirschblüte: wunderschön, in voller Pracht, Ausdruck der lebendigen Natur. Und gleichzeitig so vergänglich, eben weil die Natur in Kreisläufen existiert und bald alles verblüht sein wird.

Bei unserem Aufenthalt in Schweden war es das besondere Licht und die magische Atmosphäre der langen Tage rund um Midsommar. Das Erlebnis der Feierlichkeiten in “unserem” Dorf haben nur noch einen drauf – wohlwissend, dass jedes Lied und jeder Tanz einmalig in diesem Moment sein würden.


💬 On words

In dem bewegenden Coming-of-Age-Roman Hard Land wird das Gefühl zwischen Berührung, Hingabe einerseits und Wehmut und Trauer andererseits mit einer neuen Wortkreation beschrieben:

So was wie Euphancholie. Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird … Dass alles mal vorbei sein wird. Kind sein ist wie einen Ball hochwerfen, Erwachsenwerden ist, wenn er wieder herunterfällt. – Benedict Wells, Hard Land

Der Autor Benedict Wells erklärt seine Wortschöpfung so (und ja, es gibt tatsächlich eine Baseball-Cap mit der Aufschrift Euphancolie..):

Das Wort ist eine Mischung aus ›Euphorie‹ und ›Melancholie‹. Einerseits ist man fast zerrissen vor Glück, aber auch wehmütig, weil der Moment bald vorbeigehen wird; man vermisst ihn schon jetzt.

Generell habe ich es als Jugendlicher oft selbst erlebt, dass man selbst nach schlimmsten Erfahrungen plötzlich in ausgelassenes Gelächter ausbrechen konnte – und umgekehrt. Dieses schnelle, manchmal völlig unlogische Umschlagen der Emotionen hat mich immer fasziniert, alles geschah gleichzeitig. Oder um es mit einem 80s-Song zu sagen: Dancing With Tears In My Eyes.

Wer richtig eintauchen will, dem sei die gleichnamige Playlist Euphancholie von Benedict Wells empfohlen.


 


🔎 Aus der Forschung: Bittersweetness

Die amerikanische Autorin Susan Cain hat dem paradoxen Phänomen sogar ein ganzes Buch gewidmet: Bittersweet – How Sorrow And Longing Make Us Whole. Sie schreibt dazu:

If you’ve ever wondered why you like sad music …

If you find comfort or inspiration in a rainy day …

If you react intensely to music, art, nature, and beauty …

Then you probably identify with the bittersweet state of mind.

Wozu dient Bittersweetness überhaupt?

Susan Cain beschreibt die Frage nach dem bittersüßen erleben (jeweils eigene Übersetzung aus dem Englischen):

Philosophen nennen dies das „Paradoxon der Tragödie“ und rätseln seit Jahrhunderten darüber. Warum freuen wir uns manchmal über den Kummer, während wir den Rest der Zeit alles tun, um ihn zu vermeiden? Jetzt beschäftigen sich auch Psychologen und Neurowissenschaftler mit dieser Frage und haben verschiedene Theorien aufgestellt:

Eine Mondscheinsonate kann für Menschen, die einen Verlust oder eine Depression erleben, therapeutisch sein; sie kann uns helfen, negative Gefühle zu akzeptieren, anstatt sie zu ignorieren oder zu verdrängen; sie kann uns zeigen, dass wir mit unseren Sorgen nicht allein sind.

Wir mögen zum Beispiel keine Listen mit traurigen Wörtern oder Diashows mit traurigen Gesichtern (dies haben Forscher tatsächlich getestet). Was wir lieben, sind elegische Gedichte, nebelumhüllte Küstenstädte, Türme, die durch die Wolken ragen. Mit anderen Worten: Wir mögen Kunstformen, die unsere Sehnsucht nach Vereinigung und nach einer perfekteren und schöneren Welt ausdrücken.

Traurige Musik und melancholische Poesie – jetzt echt?

Kürzlich haben die Neurowissenschaftler Matthew Sachs und Antonio Damasio zusammen mit der Psychologin Assal Habibi die gesamte Forschungsliteratur über traurige Musik ausgewertet. In ihrem Artikel The Pleasures of Sad Music haben sie festgestellt, dass sehnsuchtsvolle Melodien unserem Körper helfen, eine Homöostase zu erreichen – einen Zustand, in dem unsere Emotionen und unsere Physiologie innerhalb eines optimalen Bereichs funktionieren.

Sie liefern Antworten auf die Frage, wie es sein kann, dass das menschliche Überleben von der Vermeidung (!) schmerzhafter Erfahrungen abhängt, der seelische Schmerz aber oft ausdrücklich in der Musik gesucht wird. Es scheint mindestens drei Erklärungen zu geben.

Traurigkeit, die durch Musik hervorgerufen wird, wird als angenehm empfunden:

  1. wenn sie als nicht bedrohlich wahrgenommen wird;
  2. wenn sie ästhetisch ansprechend ist; und
  3. wenn sie psychologische Vorteile wie Stimmungsregulierung und empathische Gefühle hervorruft, z. B. durch die Erinnerung an und das Nachdenken über vergangene Ereignisse.

Vielleicht ist das dein Call, doch mal in die euphancholische Playlist von Benedict Wells einzutauchen…?

In wie fern hat das Bittersüße auch etwas Wertvolles?

Schließlich erinnert uns (mich zumindest), dass dieser euphancholische Zustand auch sein Gutes hat:

Erinnerst du dich an die sprachlichen Ursprünge des Wortes Sehnsucht: Der Ort, an dem du leidest, ist der Ort, an dem du dich sorgst. Du leidest, weil du dich sorgst. Deshalb ist die beste Reaktion auf Schmerz, tiefer in die Sorge einzutauchen.

Es ist oft dort, wo wir den größten Schmerz empfinden, dass unsere Werte besonders sichtbar werden. Das, was uns viel bedeutet, wird verletzt.

In diesem Sinne: never stop yearning, never stop caring.